Neuer Glaubenskurs Herbst 2017

 

 

Der Gemeindebrief Sommer - Herbst 2017

 

Wie der GoSpecial in die Emmauskirche kam

Es war einmal ein junger Pfarrer, der hatte noch nicht lange seine erste eigene Pfarrstelle in einem kleinen schwäbisch-bayerischen Dorf am Rande des Lech angetreten. Wie es sich für einen jungen Pfarrer gehörte, machte er sich eines Tages auf zu einem Kirchentag im fernen Frankfurt am Main.

Der Kirchentag verlief wie alle Kirchentage, Vorträge, Diskussionen, Gespräche und auch Gottesdienste. Da wurde unser junger Pfarrer aufmerksam auf einen „etwas anderen Gottesdienst“. Ein etwas anderer Gottesdienst? Das interessierte unseren jungen Pfarrer. Wann sollte der sein? Wo sollte der sein? Ach du meine Güte! Das geht ja gleich los und ich muss noch ein ganzes Stück bis zu der Kirche!

Als unser junger Pfarrer um die Ecke biegt, sieht er, wie sich die große Kirchentür langsam schließt. Als er dort ankommt, ist sie bereits versperrt. Er klopft, er klopft nochmals. Sollte er diesen Gottesdienst, auf den er so sehr gespannt war, nicht miterleben können? Doch da wird von innen das Schloss nochmals geöffnet und er darf als letzter Besucher in die überfüllte Kirche, denn für diesen „Gottesdienst für Kirchendistanzierte“, wie er im Kirchentags-Führer angekündigt war, scheinen sich viele Kirchentagbesucher zu interessieren. Er wird veranstaltet von einer Gemeinde in der Nähe von Frankfurt. Die Gemeinde soll in Kirchenkreisen schon für erheblichen Gesprächsstoff gesorgt haben.

Der Gottesdienst dauert länger als üblich, aber unser junger Pfarrer ist begeistert! Wie kann man so einen tollen Gottesdienst nur hin kriegen? Die vielen Mitarbeiter, die Technik, eine glanzvolle Predigt und, und, und … Das wär’s, in der Emmauskirche in dem kleinen schwäbisch-bayerischen Dorf am Rande des Lech. Aber er denkt den Gedanken nicht weiter. Das würde er in seiner Gemeinde nie hin kriegen.
Am nächsten Tag ist unser junger Pfarrer wieder daheim. Noch völlig beeindruckt erzählt er jedem Mitarbeiter, der ihm begegnet von seinem Gottesdienst-Erlebnis. Irgendwie steckt er mit seiner Begeisterung an. Die einen hören interessiert zu. Andere sind etwas skeptisch, was das für ein Gottesdienst war, den unser junger Pfarrer da besucht hat. In der Kirchenvorstandssitzung berichtet er ausführlich. Die Kirchenvorsteher folgen gebannt seinen Worten. Könnte man so einen Gottesdienst vielleicht einmal besuchen, gegebenenfalls in der näheren Umgebung? Schnell stellt sich heraus, dass nicht weit entfernt tatsächlich manchmal so ein so genannter „GoSpecial“ gefeiert wird.
Die Neugierigen machen sich bei nächster Gelegenheit auf den Weg. Der Gottesdienst war ganz schön, aber unser junger Pfarrer hatte von etwas anderem erzählt. Man berichtet ihm. Nein, der Gottesdienst in Frankfurt war viel mitreißender, beeindruckender.
Die Zeit vergeht, aber das Thema schwelt weiter leise in den Köpfen von einigen Aktiven in der Gemeinde. Man spricht mit unserem jungen Pfarrer. Eine Band haben wir doch auch schon, die spielt doch regelmäßig bei Familiengottesdiensten. Und da spielen wir doch auch kleine Theaterstücke. Aber die vielen übrigen Mitarbeiter? Und würde sich unser junger Pfarrer zutrauen, entsprechend dem Gottesdienstkonzept eine große Predigt zu halten und sich anschließend einem so genannten „Kreuzverhör“ unterziehen? Ja, dazu wäre er wohl bereit.
In der Gemeinde bildet sich eine Gruppe von überzeugten Befürwortern aber auch eine Gruppe von Bedenkenträgern: das schaffen wir nie, in so einen Gottesdienst kommt doch sowieso niemand und der Zeitpunkt, sonntags abends, ist doch völlig illusorisch! Nein, das könnt ihr vergessen. Auch Internet-Recherchen über diese Gemeinde in der Nähe von Frankfurt bestätigen die Skeptiker. Das sind doch Profis. Die Gemeinde hat doch eine ganz andere Struktur. Der Pfarrer war mal in Amerika und hat von da das Konzept und Erfahrungen mitgebracht.
Aber die Optimisten ließen sich nicht einschüchtern. Sie glaubten an die Sache. Und sie glaubten daran, dass Gott ihnen bei diesem Projekt beistehen würde. Wieder wurde in der Nähe ein „GoSpecial“ angeboten. Wieder machten sich die „Neugierigen“ auf den Weg. Sie kehrten mit neuen Eindrücken zurück und mit der festen Überzeugung: das könnten wir auch!
Schließlich luden sie zu einer ersten Besprechung ein und 11 Gleichgesinnte kamen. Zunächst musste ein Thema gefunden werden. Die Gemeinde in der Nähe von Frankfurt bot im Internet sehr gute Konzepte an und schnell waren Thema und Titel gefunden. Provokant, attraktiv, zeitgemäß, aufmerksam machend. Genau das Richtige für einen ersten „GoSpecial“. Unser junger Pfarrer war natürlich für die Musik verantwortlich. Dazu muss man sagen, dass er ein leidenschaftlicher Musiker und Gitarrenspieler war und schon früher einer Band angehört hat, er war so zusagen „vom Fach“. Ein Theaterteam bildete sich sehr schnell und in der Kirche war eine recht gute Technik vorhanden. Als Termin wurde Sonntag, der 10. November 2002 festgesetzt.
Fieberhaft ging es nun an die Vorbereitungen, denn man hatte nur knappe 6 Wochen dafür Zeit. Die Band übte fleißig neue Lieder und die Theaterleute probte, was das Zeug hielt, das Deko-Team plante passende Ausschmückungen und dachte sich Besonderes aus.
Der Termin kam immer näher. Schließlich traf sich das komplette Team bereits am frühen Sonntagnachmittag. Die Deko-Leute waren voll im Einsatz. Die Band probte immer wieder Lied für Lied und die Theater-Leute spielten nochmal ihr Stück durch. Die Zeit verging wie im Flug und die Spannung stieg. Die ersten Besucher kamen bereits – so früh? Sie wollten diesen neuen Gottesdienst nicht versäumen und sicherten sich so einen guten Platz. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Wie würde dieser Gottesdienst ankommen? Alles war offen.
Die Kirche füllt sich immer mehr. Unser junger Pfarrer schaut auf die Uhr und ruft das gesamte Team im Gemeindesaal zusammen. Es knistert vor Nervosität. Er spricht von den Planungen, von den Vorbereitungen, dass man jetzt ins kalte Wasser springt und den Ausgang nicht kennt. Er betet und bittet Gottes um seinen Segen. Das Team wird ruhiger. Man wünscht sich viel Erfolg und klatscht sich aufmunternd ab.
Die Kirche ist voll. Es ist kein Platz mehr frei. Es werden sogar Bierbänke hinter die letzte Bankreihe gestellt, damit alle einen Sitzplatz haben.
Die Besucher warten gespannt, dass endlich die Orgel mit dem Einleitungslied beginnt – obwohl – wieso befindet sich da im Altarraum eine Band? In der Kirche! Im Altarraum!
Aus den großen, schwarzen Lautsprechern hört man ein leises „A-one, a-two, a-one, a-two, a-three“ und die Band legt los! Die Gottesdienst Besucher sind überrascht und irritiert. Die Band spielt toll, einen Song in englischer Sprache, aber das ist ja heute nichts Besonderes. Der religiöse Text wird mit einem Beamer an die Wand projiziert.
Die Musik ist zu Ende. Jetzt müsste unser junger Pfarrer wie immer die Gottesdienst-besucher begrüßen. Aber nein, zwei „Laien“, vom Team, treten vor den Altar. „Herzlich willkommen zu unserem ersten GoSpecial in der Emmauskirche“. Humorvoll und mit leichter gegenseitiger Ironie begrüßen sie die Besucher und führen sie zum Thema: „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt“. Dazu kann man immer etwas sagen und sich necken. Ansprechend. Dann wieder die Band. Anschließend das selbst geschriebene Anspiel, das exakt auf das Thema zugeschnitten ist. Über die Köpfe der Besucher saust ein Schwein. Aus Pappmaschee und an einer Leine von der Empore hinunter in den Kirchenraum. Das Stück kommt an! Die Nervosität lässt nach, die Besucher gehen mit. Man ist auf dem richtigen Weg. Noch einmal spielt die Band.
Und nun die klassische Predigt. Aber nein. Im sportlichen Pullover hält unser junger Pfarrer eine eindrucksvolle, gegenwartsbezogene und spannende Predigt. Aber nicht von der Kanzel sondern an einem kleinen Bistro-Tisch vor den Besuchern. Aufrüttelnd, mitreißend. Muss man wirklich ein Schwein sein, um Erfolg zu haben? Waren wir nicht selber schon mal so „ein Schwein“? Die Predigt dauert länger als eine normale Sonntagvormittag-Predigt. Aber die Besucher hören aufmerksam zu, bis zum Amen.
Sie sind noch von der Predigt beeindruckt, als einer vom Team, so zusagen ein Moderator, vortritt und erklärt, dass nun Zeit und Gelegenheit ist, auf den bereitliegenden Zetteln Fragen an den Prediger zu schreiben und auf einem anders farbigen Zettel ihre persönlichen Gebetsanliegen. Erneut sind die Besucher irritiert. Das mit den Fragen an den Prediger ist ja ganz ungewöhnlich. Was das nun wieder soll. Und die Gebetsanliegen? Aber einige Gottesdienstbesucher nehmen das Angebot an und schreiben eifrig. Vom Keyboard ertönt leise, zurückhaltend meditative Musik.
Dann kommt der Moderator mit unserem jungen Pfarrer wieder zurück an den Tisch zum so genannten „Kreuzverhör“ an den Prediger. Die erste Frage, sehr persönlich und fast schon ans peinliche grenzend. Die Besucher sind amüsiert, unser junger Pfarrer etwas verlegen aber die Antwort ist überzeugend und souverän. Die nächste Frage. Wieder antwortet unser junger Pfarrer sachlich pointiert. Bei den nächsten Fragen ebenso. Das „Kreuzverhör“ ist beendet. Die Besucher klatschen. Erneut spielt die Band.
Dann kommen drei Mitarbeiter vom Team und lesen die Gebetsanliegen vor: Dafür möchte ich beten … Alle Anliegen haben einen sehr ernsten Hintergrund, manche gehen unter die Haut, wenn z.B. um sehr kranke Angehörige oder Freunde, oder um harte Schicksalsschläge gebetet wird. Nochmals spielt die Band, etwas Ruhigeres. Zum „Vater unser“ erheben sich alle, unser junger Pfarrer spricht den Segen und dann kommen nochmals die zwei, die die Begrüßung gemacht haben. Necken sich wortgewandt, wünschen eine gute Zeit, einen guten Heimweg und laden zum Snack in den Gemeindesaal ein. Zum Abschied nochmals die Band. Die Besucher klatschen lange Beifall. Zum Dank spielt nochmals die Band und dann ist der Gottesdienst zu Ende.
Viele Besucher nehmen diese ungewöhnliche Snack-Einladung gerne an und gehen in den Gemeindesaal. Dort gibt es Knabbergebäck und Dips und man unterhält sich über diesen „etwas anderen Gottesdienst“ für Kirchendistanzierte. Einige sind sehr skeptisch, können gar nichts mit dem Konzept anfangen, „das ist doch kein Gottesdienst“! Andere, und das ist wohl die Mehrzahl, äußern sich in einem Ranking von „ganz gut“ über „mal was Neues“ bis zu euphorischem „Toll“ und „so muss ein moderner Gottesdienst sein“!
So kam der GoSpecial in die Emmauskirche und begann eine grandiose Karriere. Aus der näheren und weiteren Umgebung pilgerten die Gottesdienst Besucher, denn dieser „etwas andere Gottesdienst“ sprach sich sehr schnell in der Region rum. Und man musste den GoSpecial gleich zwei Mal hintereinander anbieten, wegen der vielen Besucher. Und für junge Familien wurde auch eine Kinderbetreuung organisiert. Und es waren nicht nur evangelische Kirchenbesucher.
Und es gab echte High-Lights. So konnte unser junger Pfarrer zum 12. GoSpecial den Liedermacher und Entertainer Werner Schmidbauer gewinnen und der kam sogar noch einmal zum 32. GoSpecial. Diese Gottesdienste fanden in der Paartalhalle statt, die jedes Mal fast aus ihren Nähten platzte. Und da sich der GoSpecial in der Emmauskirche bis in höchste Kirchenkreise rumgesprochen hatte, wurde das Team bereits zweimal zu einem Gottesdienst im Rahmen eines überregionalen Kongresses nach Neuendettelsau eingeladen. Und zum 50. kam der Pfarrer, Karikaturist und Buchautor Werner „Tiki“ Küstenmacher zu einem ebenfalls phantastischen, beeindruckenden GoSpecial in der Paartalhalle, bei dem es sich auch das regionale Fernsehen nicht nehmen ließ, einen ausführlichen Bericht zu senden.
Klassische Märchen enden mit den Worten „Und wenn sie nicht …“ Dieses Märchen muss ich etwas anders beenden: Ich bitte Gott, dass unser Pfarrer, der immer noch jung ist und an dem nur die Zeit ein wenig vorbeigehuscht ist, noch lange in unserer Emmauskirche GoSpecial Gottesdienste feiern möge.